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Radtour: Ockerbrüche und Schluchten

Manchmal kommt alles anders, als man denkt. Je höher man kommt, desto dünner wird die Luft. Weiß man ja. Für die Temperatur sollte indes gelten: je höher man steigt, desto kühler wird es. Meine Temperatur-Anzeige am Tacho kann dieser Schlussfolgerung nichts abgewinnen. Je länger die Straße entlang der Gorges de la Nesque in der Provence ansteigt. Umso heißer wird es: 38 Grad, 40 Grad, 42 Grad, 44 Grad. Vermutlich können wir froh sein, dass es nur auf 740 Meter hinaufgeht.

Wir, das sind meine Mutter und ich. Sie wird auf dieser Reise ihren 74. Geburtstag feiern. Und die Reise, vielmehr die Planung derselben, ist mein Geschenk gewesen. Eines allerdings, welches ich an die eine Bedingung geknüpft hatte: Meine Mutter sollte ein E-Bike nehmen, sonst würde das mit uns und der Provence nichts werden.

Diese hatte ich immer mit blühenden Lavendelfeldern verbunden, mit kleinen Straßen, die durch eine liebliche Landschaft führen. Schon am ersten Tag werde ich, besser: wir wenige Kilometer nach unserem Aufbruch in Carpentras eines Besseren belehrt. Die Straße entlang der Gorges de la Nesque führt keineswegs durch eine liebliche Landschaft, sondern vielmehr durch einen bergigen und schroffen Landstrich ziemlich lange bergauf. Es wird nie richtig steil, aber die Strecke zieht sich, oft sind es aber auch die Aussichten, die uns den Atem rauben. Kurz vor dem Aussichtspunkt höre ich, wie eine Frau am Straßenrand mit Blick auf uns zu ihrem Mann sagt „Das ist aber eine Leistung.“ Finde ich auch, aber ich fürchte, das Lob gebührt meiner Mutter, deren Rad, wie ich gestehen muss, beim ersten Hinsehen nicht wie ein E-Bike ausschaut sondern eher dem Modell Stadt-Klapprad gleicht.

Wanderung durch die Ockerbrüche

Vom Aussichtspunkt geht es bis Sault dafür in einer langen Abfahrt wieder hinunter. Der Ort selbst liegt auf einem Felsvorsprung. Sieht hübsch aus, heißt aber, dass es den letzten Kilometer ins Zentrum noch einmal in die Vollen geht. Eigentlich wollen wir das nicht, aber der Hunger treibt uns die Straße hoch. Gut so, denn wir werden später feststellen, dass es bis Saint-Saturnin-les-Apt an Einkehrmöglichkeiten mangelt.

Am nächsten Tag bekommen wird ein weiteres Gesicht der Provence zu sehen. Die Ockerbrüche von Roussillon und Colorado de Rustrel. Roussillon ist ein hübsch anzusehender Ort und die Landschaft beeindruckend. Leider handelt es sich nicht um einen Geheimtipp und es sind doch ziemlich viele Menschen unterwegs. In Colorado de Rustrel geht es ruhiger zu, die Gegend ist wilder und ursprünglicher. Mehr ein Abenteuerspielplatz. Ein Vater mit Kleinkind auf den Schultern wagt sich auf einen Felsvorsprung und riskiert damit den Familienfrieden. Die Mutter findet den Ausflug gar nicht komisch. Man muss kein Französisch sprechen, der Ärger über die Aktion lässt sich auch so heraushören.

Drei Tage später brechen wir von les Salles-s-Verdon in Richtung Grand Canyon du Verdon auf, nachdem zuvor von Lourmarin bis Manosque, wo wir nach dem Abendessen in der Altstadt eine halbe Stunde unterwegs waren, um den Ausgang zu finden, an der Südseite des Luberon entlanggeradelt waren und anschließend den Lac de Ste Croix südlich umrundet hatten. Dieser halbe Tag am See war ein ziemlich gemeiner gewesen, weil mein Tacho mitunter 40 Grad anzeigte, Badestellen bis les Salles-s-Verdon gar nicht vorhanden waren. Der kleine Ort wiederum wirkte unglaublich einladend und gepflegt. Noch besser: Man gelangte vom Marktplatz auf einer steilen Treppe hinunter an den Strand und es wäre ein wirklich wunderbares Vergnügen Badevergnügen geworden, wären meine Füße auf dem steinigen Strand und im Wasser nicht einer Folter unterzogen worden.

Rund um den Canyon du Verdon

Die D19 wiederum führt uns nicht nur weg vom Strand und See, sie führt auch bergauf. Und das lang und stetig. Gut sieben Kilometer, rund 280 Höhenmeter. Es ist der Moment, in dem ich meine Mutter auf ihrem E-Bike von der Leine lasse. „Fahr los, ich mag es nicht, wenn du mir im Nacken sitzt. Wir sehen uns in Aiguines“, rufe ich ihr zu. Wenige Sekunden danach rauscht sie an mir vorbei. Das ist das Gute an einem E-Bike: der Akku lässt sich ja bequem aufladen unterwegs – wenn man denn an eine Steckdose kommt wie in einem kleinen Cafe in Aiguines. 20 Minuten Pause, danach wiederholt sich das Spiel quasi. Die Straße führt weiter – und oft kräftig –  an der südlichen Seite der Schlucht bis zum Cirque de Vaumale auf rund 1200 Meter hinauf. Hin und wieder gewinnt die D19 in Serpentinen an Höhe. Das macht das Fahren zwar nicht kürzer, aber einfacher. Hier und da gibt es Aussichtspunkte und es ist trotz der Anstrengung ein wunderbares Radeln, auch weil erstaunlich wenig Autos unterwegs sind.

Am Cirque-de-Vaumale-Aussichtsspunkt treffen wir auf einen älteren Herren, der ebenfalls auf einem E-Bike unterwegs ist und sich auf dem Rückweg befindet. Zwischen ihm und meiner Mutter entwickelt sich gleich das mittlerweile typische Fachsimpeln über Elektro-Räder, Wattleistungen, Eco, Tour, Turbo und Sport-Stufe, an dem ich nicht so recht teilhaben kann. Mich interessiert vielmehr die Landschaft. Der Mann erzählt daraufhin, dass er umgedreht sei. „Die Straße verschwindet ja jetzt erst einmal ins Landesinnere. Da sieht man nicht so viel.“ Später in Balcons de la Mescla, einem der vielen Stopps unterwegs, sage ich zu meiner Mutter: „Der Mann hat einfach zu früh aufgegeben.“ Vielleicht aber war sein Akku auch einfach nur leer.

Tatsächlich sind wir nicht so richtig vorangekommen, was weniger an dem Auf und Ab liegt, sondern vielmehr an den Postkartenansichten unterwewgs. Deshalb biegen wir auch auf die D90 hinab nach Trigance, einem hübschen kleinen verschlafenen Dorf, und sparen uns den Schlenker über Combs-s-Artuby, überqueren am frühen Nachmittag die Brücke Pont de Soleils und nehmen die letzten 13 Kilometer nach la Palud-s-Verdon in Angriff. Anfangs folgt die Straße dem Verdon und steigt langsam an der Felswand hinauf. Wir sind so gefangen von der Landschaft, dass wir den Abzweig zum Strand am Point Sublime übersehen, was uns erst später am Aussichtspunkt klar wird.

Die Route des Cretes

Schließlich erreichen wird la Palud-s-Verdon. Müde, von der Sonne verbrannt, hungrig. Die Entscheidung, wo wir zu Abend essen, ist schnell gefallen. Das Restaurant ist einfach, die Gerichte auch, es wird zum Beispiel Hähnchen mit Pommes angeboten. Kaum, dass wir sitzen, serviert eine junge Kellnerin am Nachbartisch mehrere Essen. „Das möchten wir auch“, winkt meine Mutter die Kellnerin zu sich. Es wird ein ziemliches lustiges Essen, zumal meine Mutter tatsächlich auf Hähnchen tippt, wobei ich weder Flügel noch Schenkel entdecken kann, es dann für Schweinefleisch hält und dank ihres elektronischen Übersetzers schließlich feststellt, dass wir gerade ein Kaninchen verspeisen.

In la Palud-s-Verdon bleiben wir zwei Nächte, weil wir eine kleine Tagestour unternehmen: die Route des Cretes. Die Runde ist rund 23 Kilometer lang und ein Muss bei einem Besuch des Grand Canyon du Verdon. Allerdings gibt es für Radfahrer ein Problem: Egal, ob man nun im Uhrzeiger- oder Gegenuhrzeigersinn fährt, es gibt auf beiden Seiten Steigungen, die bis zu elf Prozent aufweisen. Klarer Vorteil für meine Mutter also, für die der Tag allerdings erst einmal mit einem Schrecken beginnt. Ihr Akku zeigt nicht einmal die Hälfte der möglichen Leistung an, obwohl sie ihn in der Nacht aufgeladen hat. So verzögert sich die Abfahrt um eine Stunde, doch auch nach einem erneuten Aufladen hat sich nichts getan. Wir fahren trotzdem los, und am ersten Aussichtspunkt kommt ausgerechnet von einer Handvoll Motorradfahrer aus Deutschland Hilfe. Einer von ihnen drückt den Resetknopf auf dem Anzeigegerät ein paar Sekunden länger als üblich – und schon ist wieder alles im Lot in der Elektrorad-Welt meiner Mutter.

Ich verfüge leider über keinen Resetknopf und muss zugeben: Hier und heute, das ist nicht mein Vormittag. Wir fahren im Uhrzeigersinn, weshalb mich am Anfang auch die Landschaft nicht ablenkt von den müden Beinen. Hübsch ist es, aber man sieht vom Cabyon erst einmal nichts. Tatsächlich halte ich die Lobeshymnen auf die Route des Cretes gerade für reichlich übertrieben. Doch das ändert sich nach ein paar Kilometern. Serpentinen, enge Kurven, mitunter keine Seitenbegrenzung. So was lässt sich gut unter Nervenkitzel verbuchen. Gegenüber sehen wir am Canyonrand die Straße, die wir tags zuvor gefahren fahren. Der Blick aus der Vogelperspektive, er macht uns beide stolz auf das, was wir da geleistet haben – auch wenn ein kleiner Elektromotor nachgeholfen hat.

Als wir la Palud-s-Verdon nach zwei Tagen wieder verlassen, verabschiedet sich auch der blaue Himmel über dem Grand Canyon du Verdon. Die Straße führt erst einmal ein paar Kilometer bergauf, um dann in eine lange und kurvenreiche Abfahrt bis kurz vor Moustiers-Ste Marie überzugehen. Die Ortschaft ist eine Ansammlung von Restaurants und Geschäften, strahlt aber dennoch eine Heimeligkeit aus, so dass aus einer Pause durchaus ein mehrstündiger Aufenthalt werden könnte. Wir aber müssen weiter, passieren auf unserem Weg Riez und Allemagne-en-Provence, wo wir allerdings niemanden finden, der uns über die Geschichte des Ortsnamens aufklären kann.  Was allerdings auch nicht einfach ist, weil selbst Historiker schwanken zwischen den Annahmen, es handele sich um eine Ableitung des Namens Alemona, gallische Göttin der Fruchtbarkeit, oder um eine ehemalige Kolonie der Alemannen.

Endstation unserer Tour ist schließlich Greoux-les-Bains, zurück im prallen Leben. Der Ort ist bekannt für seine heißen Thermalquellen. Daher hatte ich dort eine Übernachtung geplant. Leider erfahren wir auf dem Weg dorthin, dass der Besuch der Thermalquellen den Kurgästen vorbehalten ist. Andererseits hat uns auf den letzten Kilometern die Sonne wiedergefunden, auf meinem Tacho blinken 35 Grad auf. Als wir schließlich unser Hotel gefunden haben, gibt es eine gute Nachricht: Unsere Unterkunft verfügt wenigstens über einen kleinen Pool.